Vincent Burckhardt
Peking, Flughafen. Fremdartige Laute, wuselnde Menschenmassen. Die meisten Gesichter sind hinter einem Mundschutz versteckt über denen mandelförmige Augen mich mit einem neugierigen Blick mustern. Auch ich schaue neugierig umher, versuche zwischen den unzähligen Menschen und leuchtenden, unverständlichen Zeichen das wohlbekannte Starbuckslogo auszumachen. Dort soll ich abgeholt werden. Ein etwas maues Gefühl steigt in mir hoch, die Angst nicht abgeholt zu werden und mich plötzlich allein, verloren in diesem großen, noch völlig fremden Land vorzufinden. Doch schnell habe ich das örtliche Kaffeehaus ausgemacht, wo mich eine kleine, sehr sympathische Chinesin empfängt.
In Peking absolviere ich ein einmonatiges Vorbereitungsprogramm, dass mich mit Lehrmethoden vertraut macht und mir die ein oder anderen pädagogischen Kniffe offenbart.
Es braucht einige Zeit sich in diesem Land zurechtzufinden, die vielen fremden Eindrücke scheinen einen manchmal zu erdrücken, doch sind sie dabei unheimlich reizvoll und faszinierend.
Nach dem ersten Monat in Peking, den man nebst den Vorbereitungskursen mit Expeditionen in den Pekinger Großstadtdschungel (sowohl bei Tag wie bei Nacht) oder Besuchen alter Tempelanlagen und natürlich der chinesischen Mauer zugebracht hat, findet man sich schon gut im Reich der Mitte zurecht und die Teilnehmer verstreuen sich nun auf Schulen quer im ganzen Land. Ich lande in Shenzhen, als Kindergartenlehrer. Begegne ich anfangs noch ein paar Schwierigkeiten, da ich mich vor allem darauf vorbereitet habe etwas ältere Schüler zu unterrichten, finde ich mich doch schnell ein und verstehe mich trotz Sprachschwierigkeiten jeden Tag besser mit den kleinen Vierjährigen.
Ich hatte bald rausgefunden, wie man ihnen auch ohne des Chinesischen mächtig zu sein, die englische Sprache näher bringt. Nach dem Unterricht sitze ich oft in meinem Zimmer im Schulwohnheim und zeichne Bilder von Familien, bastle Puppen, die man anziehen kann oder Vögel, deren Flügel schwingen. Die Kinder sind begeistert und auch ich bin froh meine künstlerischen Hobbies produktiv in die Arbeit einfließen lassen zu können. Auch beschließe ich enge Freundschaften mit manchen der dortigen chinesischen Lehrern sowie ein paar andern Ausländern, die auch an der Schule unterrichten.
Nach einiger Zeit habe ich mich perfekt in diese neue Umgebung eingelebt, die Arbeit mit den Kindern erfüllt mich und auch nehmen meine Chinesischkenntnisse kontinuierlich zu, sodass ich, wenn auch noch etwas holprig, Smalltalk mit den Menschen dort führen kann und sie immer besser kennenlerne und verstehen kann. Auch habe ich mir einen kleinen elektrischen Roller zugelegt, mit dem ich mich frei in der mir mittlerweile sehr vertrauten Stadt bewegen kann. Im Herbst gibt es die sogenannte goldene Woche in China, in der jeder Mensch ein paar Tage frei hat und zumeist seine Familie besucht. Ich nutze diese Zeit um mit Freunden, die ich in Peking kennengelernt habe, nach Hongkong zu fahren, dass ich schon etliche Male in den von mir bewunderten Wong Kar Wai Filmen besucht habe. Eine großartige Stadt! Komplett verschieden von dem China, was ich bisher gesehen habe und doch nicht weniger reizvoll. Ein multikulturelles Zentrum am pazifischen Ozean.
Nicht umsonst nennt sich das Programm Teach and Travel, beides kann man hier voll erfahren. Die Arbeit ist zwar manchmal auch hart und fordernd, bietet jedoch ein unvergessliches Erlebnis.
Besser kann man eine fremde Kultur kaum kennenlernen, denn man hat direkten und engen Kontakt zu den Menschen. Nebst der Arbeit sollte man in jedem Fall auch von der Möglichkeit Gebrauch machen, dieses großartige Land zu bereisen. Als mein halbes Jahr an der Schule beendet war, wollte ich nur ungern gehen. Auch die Schule wollte mich dabehalten, da aber ein Studium in Deutschland lockte, hieß es doch schlussendlich Abschiednehmen von den mir ans Herz gewachsenen Schülern und den dort gemachten engen Freunden. Trotzdem blieb ich noch einige Zeit in China, fuhr in die Berge, wo mich einmalige Landschaften erwarteten, bis ich mich schließlich auf eine Fähre von Shanghai nach Osaka begab, um einen alten Schulfreund in Japan zu besuchen. Nach ein paar Tagen in Tokyo flogen wir zusammen nach Seoul, wo es uns sogar bis an den Grenzübergang nach Nordkorea verschlug. China, Japan, Korea, alle dies sind einzigartige Länder, und nicht mal die acht Monate, die ich in China verbrachte, haben gereicht, dieses gigantische Land wirklich kennenzulernen, immer wieder bietet es einem Überraschungen. Wieder in Deutschland lerne ich jetzt fleißig weiter Chinesisch, mit dem festen Plan zurückzukehren ins Reich des Drachen.
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